Urheberrecht: zu uncool um es zu verstehen? (Part 1)

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© is the copyright symbol in a copyright notice (Photo credit: Wikipedia)

GEMA, GVL – das sind die wichtigsten Organisationen für einen Musiker, predigte ich schon immer allen, die bei uns ins Sound Factory Tonstudio reinkamen. Durch GEMA und GVL kann ein Musiker ein würdevolles Leben führen und sich richtig intensiv um sein Beruf kümmern.

Bei vielen öffentlichen Foren und Diskussionen werden die Meinungen vertont, die besagen: „Ich liebe Musik und mache es nicht fürs Geld, also brauche ich keine GEMA“.

Ich werde dabei immer bei dem Gedanken erwischt, was würde der Welt passieren, wenn jeder, der Medizin-Bücher gerne liest und im Familien Kreis rumdoktert sich ein Chirurg nennen würde. Vor allem, wie wohl seine Operationen verlaufen.

Ein toller Musiker ist nicht weniger wert als ein Herzchirurg. Jedenfalls glaube ich dass viel mehr Herzen durch die Musik geheilt wurden, als durch den Scalpel.

Ich habe bewusst einen ehrenvollen Beruf den Herzschirurgen für diesen Metapher ausgewählt um den Wert des musikalischen Berufes zu zeigen. Es geht nicht um Diplomas und Zeugnisse, es geht um die Arbeit, die man investiert um Hand- und Kunstwerk sich anzueignen. Und irgendwann, vielleicht… kommt ein Musiker&Songwriter auf das Niveau, auf dem er vom Urherberrecht profitieren kann. Das muss ganz klar gestellt werden: Damit man überhaupt irgend etwas durch die Rechte verdient, muss die Musik erstmal gekauft werden. Ob durch die Endverbraucher oder als Score bei „Tatort“ ist Nebensache, aber bis es passiert muss man wie ein Wahnsinniger ackern.

Ein Hobbymusiker würde auch gerne „nur Musisch machen“, aber meistens ist er für die entsprechende Opfer doch nicht bereit. Viel Geld investieren, ein Leben auf den Rädern führen, sich ständig weiterentwickeln und konstant üben und proben. Und zu aller Letzt noch die Unsicherheit in der Zukunft geniessen. Tja, das ist dann wieder was anderes…

Um durch die GEMA verdienen zu können muss man als Musiker ganz schön erfolgreich sein. Also ist kein Wunder, dass viele Hobby-Musiker, die oft mit einem normalen Job ihren Lebensunterhalt bestreiten, gar nichts von der GEMA wissen.

GEMA ist nur Verwaltungsorganisation von den Einnahmen der Musikautoren: Komponisten und Textern. GEMA ist kein böses Monster, es sind genau die Rockstars und Popidolen, die wir alle vergöttern. Und Tausende anderen Musikarbeiter, die Filmmusik, Kinderlieder und ja sehr oft unsichtbar, aber wirkungsvoll die teuere radiotaugliche Produktionen schreiben und produzieren.

Es gibt aber verschieden Musiker. Und manche schaffen es von der Musik zu leben, manche leben auch gut von der Musik. Es ist auch schwer für diese Leute zu verstehen, warum sie keine oder wenig Bezahlung für ihre Arbeit bekommen müssen. Ein Handwerker kann ein gutes Angebot machen, aber auf sein Lohn wird er nie verzichten. Warum sollen es aber Musiker, Komponisten und andere Kreativen doch tun?

Die Urheberrecht-Debatte ist nicht neu.

Neu dabei ist, dass die Uhrheber sich zu wehren versuchen. Innerhalb der kürzesten Zeit kamen das Wut-Inteview von Sven Regener, der offene Brief der 51″Tatort“-Drehbuchautoren und prompte Antwort darauf von 51 Hacker des Chaos Computer Clubs (CCC).

Sven Regener:

„Man wirkt uncool, wenn man sagt: Urheberrecht und so. Aber es wird so getan, als würden wir Kunst machen als exzentrisches Hobby. Und das Rumgetrampel darauf, dass wir irgendwie uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben, ist im Grunde genommen nichts anderes, als das man uns ins Gesicht pinkelt. Und sagt: ‚Euer Kram ist eigentlich nichts wert. Wir wollen das umsonst haben, wir wollen damit machen, was wir wollen, und wir scheißen drauf, was du willst oder nicht. Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert.“

Drehbuchautoren:

„Die demagogische Gleichsetzung von frei und kostenfrei. Die Menschenrechte garantieren in der Tat einen freien, aber doch keinen kostenfreien Zugang zu Kunst und Kultur. Diese politische Verkürzung von Grünen, Piraten, Linken und Netzgemeinde dient lediglich der Aufwertung der User-Interessen, deren Umsonstkultur so in den Rang eines Grundrechtes gehievt werden soll.

„Nicht nur, dass die Urheber durch diese Schutzfristen-Verkürzung enteignet und damit dramatisch schlechter gestellt würden, nein, dieser Vorschlag ändert auch kein bisschen an den Interessen der vermeintlich unschuldigen User: Ihre illegalen Downloads oder Streamings betreffen in der Masse nur die allerallerneuesten Filme, Musiken, Bücher, Fotos und Designs – und nicht etwa Werke, die 20, 40 oder 60 Jahre alt sind. Eine Verkürzung der Schutzfristen würde an diesem Problem also nichts ändern, wäre reine Symbolpolitik: Schaut her, wir haben den Urhebern auch was weggenommen…

Die vermutlich gravierendste Lebenslüge der selbsternannten Problemlöser zum Schluss: Wenn man Urheber und User besser stellen will, braucht es ja einen, der diesen Alle-haben-alle-wieder-lieb-Kompromiss, der den Kram bezahlt – denn wie in allem, was hergestellt wird, steckt auch im „Content“ verdammt viel Arbeit von Urhebern und kostet deshalb auch Geld, das irgend jemand bezahlen muss. Diesen omnipotenten Zahler kennt die Netzgemeinde auch schon ganz genau: Nein, nicht Google, youtube und die anderen Internetserviceprovider, die sich dumm und dämlich daran verdienen, illegale Kontakte zu vermitteln, den kriminellen Modellen wie kino.to, megaupload, the Pirate Bay etc. überhaupt zum Erfolg zu verhelfen. Nein, für die Grünen, Piraten und Netzpolitiker aller Parteien ist der große Übeltäter die Verwertungsindustrie: Sony, Universal, Bertelsmann und, ganz wichtig, natürlich die GEMA und die anderen Verwertungsgesellschaften. Das sind in ihren Augen die Blutsauger, die sollen die Zeche zahlen.“

CCC:

Auch wir sind Urheber, sogar Berufsurheber, um genau zu sein. Wir sind Programmierer, Hacker, Gestalter, Musiker, Autoren von Büchern und Artikeln, bringen gar eigene Zeitungen, Blogs und Podcasts heraus. Wir sprechen also nicht nur mit Urhebern, wir sind selber welche.

Das Tragische (im griechischen Sinne) ist doch, daß wir beide Opfer des Verwertungssystems sind. Ihr schuftet Euch seit Jahren für die Verwertungsindustrie ab und habt so viele Eurer Rechte weggegeben, daß weder Ihr noch Eure Nachfahren von der verlängerten Urheberrechtsschutzfrist etwas haben.

Software im kommerziellen Bereich entsteht im Allgemeinen als Werkvertrag oder unter Anstellung, und sämtliche Verwertungsrechte gehen an die Auftraggeber. Kommt Euch das bekannt vor? Nur daß bei uns niemand unsere Rechte zu vertreten versucht. Und wißt Ihr, welcher kreative Bereich stärker wächst und mehr Umsatz macht, Eurer oder unserer? Überraschung: Es stellt sich heraus, daß man auch ohne Verwertungsindustrie überleben kann. Anstatt Euch an den Konsumenten gütlich zu tun, solltet Ihr Eure Anstrengungen darauf konzentrieren, für Eure Werke direkt vom Auftraggeber ordentlich entlohnt zu werden.

Die Art der Anworten von CCC zeigt schon wie sicher sie sich im Netz und wie unsicher in der Kultur fühlen.

Witzig ist, dass man die Urheberproblematik als Generationen-Problem darzustellen versucht. Die relativ neue Software Industrie hat ihre eigenen Gesetze. Ich muss schon sehr sarkastisch lächeln, wenn CCC von den abwesenden Urheberrechten in der Software Branche spricht und sich als Verdienst es zuzuschreiben versucht, dass sie nicht davon lebt.

Aber ich glaube, es geht wieder um diese Hobby-Software-Bastler, die es nicht schaffen, ihre Rechte zu behalten. Bzw., so wie in der Musikbranche, brauchen sie es nicht. Sie haben vielleicht ihre Jobs und die kreativen Betätigungen sind ja sooo schön entspannend. Wer weiß….

Viele Musiker werden einfach wütend und versuchen alle zu erschiessen (mindestens verbal), wenn es um das Thema geht. Es hilft wenig. Aber die Wut beeindruckt mich. Die Wut der Menschen, die für Musik leben und von der Musik  leben. Und die immer mehr zu spüren bekommen, wie die Einnahmen immer geringer werden. Weil die stabile Einkommensquellen erfolgreichen professionellen Musikern immer dünner werden.

Was würde man sagen, wenn es um die immer dünner werdende Einkommen von den Herzchirurgen ginge?…

(Fortsetzung folgt…)

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Über Inna Ligum

Singer, Blogger & Writer

Veröffentlicht am 3. April 2012 in Bloggen, Life & Music, Musik, pop-akademie, Schreiben und mit , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Hoffentlich liest die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die mit ihrem Gesetzesvorhaben gegen das angebliche Abmahnunwesen die Wähler der Piratenpartei gewinnen will diesen Artikel und kommt zur Einsicht!!

    • Sie haben meine „Zielgruppe“ erkannt. 🙂
      Das ist das gefährliche beim Thema „Urheberrecht“, dass es mittlerweile nicht nur um Internet-Aktivisten geht, die sich darüber so oder so äußern, oder um Millionen User, die noch keine Alternative zum Klauen gefunden haben, sondern um die konkrete politischen Entscheidungen und sogar Gesetze. Daher finde ich es wichtig, dass die Kreativen sich zu Wort melden.
      Danke für Ihr Kommentar.

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